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Chinas Chemieindustrie: Fest steht nur der Wandel

Die Zahlen sind beeindruckend: Die chinesische Chemieindustrie erzielte 2017 Umsätze von 1,3 Billionen Euro und hatte einen Anteil am Weltmarkt von 40 %. Nach Angaben von Germany Trade & Invest ist der chinesische Markt größer als der europäische und der US-amerikanische zusammen. Doch in den letzten Monaten ist die Unsicherheit gewachsen, wie sich die Branche zukünftig entwickeln wird. Eine Vielzahl von teils widersprüchlichen Einflüssen macht sich bemerkbar. Welche davon sich am Ende durchsetzen werden, ist schwer zu sagen – eines aber scheint sicher: Die chemische Industrie in China wird sich grundlegend verändern.

Da ist zum einen der Handelsstreit mit den USA, der nicht nur in den beiden betroffenen Ländern mit Sorge verfolgt wird. So warnte BDI-Präsident Dieter Kempf schon im letzten September: „Die neuen Zölle treffen auch deutsche Unternehmen als Teil der weltweiten Produktion und Wertschöpfungsketten. Die Protektionismusspirale zieht viele andere Ländern in Mitleidenschaft – besonders Handelsnationen wie Deutschland.“ Experten berichten bereits über einen Rückgang der chinesischen Nachfrage nach Grundstoffen wie PE, und der europäische Chemieverband Cefic sieht einen deutlichen Rückgang der Chemieexporte nach China Ende 2018. Das chinesische Wirtschaftswachstum lag  2018 bei 6,5 % und soll 2019 ähnliche Größenordnungen erreichen. Für westliche Industriestaaten mag das ein Traumwert sein, doch China ist anderes gewohnt. Und deutsche Konzerne, die zum Teil jeden 5. Euro in China verdienen, haben an diesem Wachstum partizipiert. Schon sieht das Handelsblatt deutsche Firmen „im Wachstumsdilemma“, denn „nur wenn die enormen Zuwächse im China-Geschäft fortgeschrieben werden, lassen sich auch die Wachstumsprognosen der deutschen Konzerne aufrechterhalten.“ Wie stark die Abhängigkeiten sind, lässt sich in wenigen Zahlen ausdrücken: 2017 erreichte das deutsch-chinesische Handelsvolumen 187 Milliarden Euro. Das entspricht fast 30 Prozent des gesamten Handels zwischen der EU und China. Für Deutschland ist China der wichtigste Handelspartner außerhalb der EU mit einem Exportvolumen von 86 Milliarden und Importen in Höhe von 101 Milliarden Euro. Deutsche Unternehmen investieren in erheblichem Umfang; 2016 erreichten die Direktinvestitionen nach offiziellen Angaben 76 Milliarden Euro. Umgekehrt sind chinesische Player nach Schätzungen des BDI mit rund 13 Milliarden Euro in Deutschland investiert.

Viele Faktoren beeinflussen die chemische Industrie

Dass Chinas Wirtschaftswachstum sich verlangsamt hat, liegt jedoch nicht nur am US-Präsidenten und seiner Handelspolitik. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle: So hat das Verbrauchervertrauen stark nachgelassen, was besonders die Autoindustrie zu spüren bekommt. Große Investitionsprogramme wie bei der letzten Verlangsamung sind nicht in Sicht, denn China muss seine Schulden im Rahmen halten. Sorgen vor einer möglichen Immobilien- und Kreditblase im weitgehend ungeregelten Kreditgeschäft in China tun ein Übriges für eine insgesamt schlechtere Wirtschaftsstimmung. Gleichzeitig stellt die wachsende Mittelschicht Ansprüche an soziale Infrastrukturen wie das Gesundheitswesen, und in der nahen Zukunft stellt sich die Frage nach der Versorgung einer alternden Bevölkerung ohne Kinder und Kindeskinder, die ein staatliches Rentensystem ersetzen.

Dabei hat sich China mit der „Made in China 2025“-Strategie viel vorgenommen – und für die Umsetzung braucht es eine starke und moderne chemische Industrie, auch mit Unterstützung aus dem Ausland. Trotz aller erwähnten Unsicherheiten stellt Germany Trade and Invest in einem Bericht aus dem November 2018 deshalb fest, die Bedingungen für ausländische Investoren seien noch nie so gut gewesen. Denn die chinesische Prozessindustrie erlebt eine Reihe von gravierenden Veränderungen. Zum einen werden nach wie vor Überkapazitäten vom Markt genommen – ein Grund für das zuletzt vergleichsweise schwache Wachstum speziell der chemischen Industrie in China: Lagen die Produktionszuwächse der chemischen Industrie (ohne Pharma) laut VCI 2016 noch bei 7,7%, erreichten sie 2017 nur noch 4,1 %. Vorläufige Zahlen deuten für 2018 ähnliche Werte an.

Konzentration in Industrieparks setzt sich fort

Gleichzeit dauert aber die Modernisierungswelle an: Um die Umweltreformen umzusetzen und für mehr Sicherheit zu sorgen, werden Chemieanlagen geschlossen oder müssen in Industrieparks umziehen. Die Geschichte der chinesischen Industrieparks reicht zurück bis in die 80er Jahre und ist im letzten Jahr in eine neue Phase eingetreten: 1979 wurden die ersten Sonderwirtschaftszonen eingerichtet, in den 80ern dann die ersten Industrieparks. Einige davon waren speziell auf die chemische Industrie ausgerichtet und orientierten sich am Vorbild westlicher Verbundstandorte. Ursprünglich dienten sie vor allem der Entwicklung höherer technologischer Standards, aber auch der Regionalentwicklung. Gleichzeitig setzten sie zumindest ein Minimum an Umweltstandards um. So konnte dort zwar grundlegende Infrastruktur etwa für die Wasseraufbereitung installiert werden; andererseits führte die Konzentration von Industrie und ihren Emissionen auch zu starken lokalen Umwelt- und Gesundheitsproblemen. Bereits 2001 wurde der erste „National Eco Demonstration Park“ eingerichtet; weitere Initiativen folgten, die ab 2017 in den Aufbau sogenannter „Green Industrial Parks“ mündeten. In den letzten Jahren sind Umweltauflagen und Sicherheitsstandards flächendeckend zu wesentlichen Treibern für die Bündelung von Werken in Industrieparks geworden. Die Umweltschutzanforderungen an diesen Standorten sind in der Regel hoch, und Infrastruktur für Abwasserbehandlung, Abfallentsorgung und Emissionskontrollen ist vorhanden. Angesichts wachsender Umweltprobleme in den „alten“ industriellen Hotspots und einer wachsenden Sensibilität der Bevölkerung macht nicht nur die Zentralregierung Druck, auch regionale Behörden ziehen mittlerweile mit. So hat die Provinzregierung von Jiangsu, einer hochgradig industrialisierten Provinz an Chinas Ostküste, angekündigt, innerhalb von drei Jahren 1000 Chemieanlagen zu schließen, deren Technologie veraltet ist oder die weniger als einen Kilometer vom Jangtse entfernt liegen.

So entwickeln sich nun neue industrielle Zentren: Chinesische wie internationale Firmen planen riesige Investitionen in neue Petrochemiekomplexe vor allem in Chinas Süden im wenig industrialisierten Hinterland. So hat die BASF den Bau eines Verbundstandortes in der chinesischen Provinz Guangdong für 10 Milliarden US-Dollar angekündigt. Auch ExxonMobile plant dort ein Projekt in ähnlicher Größenordnung. Ein chinesisch-kuwaitisches Konsortium ist bereits aktiv und baut eine Raffinerie, die 2020 den Betrieb aufnehmen soll.  Die Region verfügt bisher über relativ wenig Schwerindustrie und ist aus verschiedenen Gründen für Investoren attraktiv: Grundstücke sind vergleichsweise günstig zu haben, die Lohnkosten sind niedrig und die Bevölkerungsdichte gering, so dass man weniger mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen hat als in den dichtbesiedelten Regionen mit ohnehin hoher Industriedichte.

Führende Rolle bei der Digitalisierung

Die industrielle Erschließung der Westprovinzen hängt eng mit dem Projekt der sogenannten „Neuen Seidenstraße“ zusammen, die diese Gebiete mit neuen Märkten verbinden soll. Wie Gerd Meyring auf der Webseite der Zeitschrift „Produktion“ in einer Analyse schreibt, würden davon „auch deutsche Maschinenbauer profitieren, hinge die BRI [„Neue Seidenstraße“] nicht eng mit der „Made in China 2025“-Politik zusammen. Diese sieht unter anderem vor, chinesische Anbieter von Robotik und Automatisierungstechnik so zu stärken, dass sie Wettbewerber aus Industrieländern bis 2025 ein- und schließlich überholen.“ Und in einigen Bereichen ist China durchaus auf dem Weg dahin: Schon heute gilt das Land als Technologieführer bei digitalen Handelsplattformen, auch für die Chemieindustrie. Und auch bei Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz schickt China sich an, die westlichen Industrieländer hinter sich zu lassen. Beim CHEMonitor 2/2018 attestierten 62 % der befragten deutschen Führungskräfte chinesischen Unternehmen eine höhere Kompetenz im Onlinehandel als den deutschen Firmen. Covestro hat Anfang des Jahres 2019 daraus eine Konsequenz gezogen und ein gemeinsames Digitalisierungslabor mit dem chinesischen Haushaltsgerätehersteller Haier ins Leben gerufen. Ziel des Joint Ventures ist es, digitale Lösungen für den Einsatz von Polyurethanen für Haushaltsgeräte zu entwickeln und damit einen neuen Standard für Digitalisierung in der Chemieindustrie zu setzen. Covestro beruft sich in der Pressemitteilung explizit auf den chinesischen Fortschritt bei der Digitalisierung verschiedener Industrien und den Erfahrungen, die Haier als Digitalisierungspionier in die Kooperation einbringt.

Mit der wachsenden Wettbewerbsfähigkeit bis hin zur Technologieführerschaft wächst allerdings auch der Kreis derer, die fordern China weniger als Schwellenland wahrzunehmen als vielmehr als Wettbewerber auf Augenhöhe – mit allen daraus resultierenden Rechten und Pflichten. Im bereits zitierten CHEMonitor 2/2018 gaben 45 % der Führungskräfte an, die chinesische Chemieindustrie werden zukünftig einen starken Wettbewerb für das eigene Unternehmen darstellen (interessanterweise sahen 86 % der Befragten einen starken zukünftigen Wettbewerb für die Chemieindustrie insgesamt).  Besonders angesichts der politischen Entwicklungen in China werden Stimmen lauter, die von Deutschland und der EU mehr Selbstbewusstsein gegenüber China fordern. China-Experten konstatieren im letzten Jahr eine „Re-Ideologisierung“ von Staat und Wirtschaft mit einer stärkeren Tendenz zur Kontrolle. So werden unter anderem auch in nicht-staatlichen Betrieben Zellen der kommunistischen Partei etabliert. Gleichzeitig sendet China Liberalisierungssignale, was westliche Investitionen angeht. Diese solle man aber nicht überbewerten, meinen Experten. Der BDI präsentierte Anfang Januar 54 Forderungen zum Wettbewerb mit China; sie sind in einem Grundsatzpapier unter dem Titel „Partner und systemischer Wettbewerber – wie gehen wir mit Chinas staatlich gelenkter Volkswirtschaft um?“ zusammengefasst. China bleibe Treiber der Weltwirtschaft und für die chemische Industrie wesentlicher Absatz- und Beschaffungsmarkt, sagte BDI-Präsident Kempf bei der Vorstellung des Papiers. Gleichzeitig fordert der BDI aber eine ehrgeizigere Industriepolitik der EU, mehr Subventionskontrolle bei Importen und bei staatlich finanzierten Übernahmen europäischer Technologieunternehmen sowie eine kohärente und langfristige China-Strategie von EU-Kommission und Bundesregierung.

Die AchemAsia 2019 bietet eine ideale Gelegenheit, Geschäftsmöglichkeiten in China auszuloten, den Kontakt zur chinesischen Prozessindustrie aufzubauen und sich über die Angebote chinesischer Technologieanbieter zu informieren.

Bitte beachten Sie: Der Umsatz der chinesischen Chemieindustrie 2017 war ursprünglich in diesem Trendbericht irrtrümlich mit 1,3 Milliarden Euro angegeben. Diese Zahl wurde auf 1,3 Billionen korrigiert. 

 

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